Eva und Louisette
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1Eva war eine ruhige Frau geworden. Früher hatte sie mehr gelacht, aber die Jahre hatten sie stiller gemacht. Wenn sie am Tisch saß und Garn flickte oder Brot schnitt, bewegten sich ihre Hände langsam und sicher. Louisette und Du kennen jede dieser Bewegungen auswendig, denn ihr hattet euer ganzes Leben damit verbracht, eurer Mutter dabei zuzusehen.
Louisette ist ein wenig kleiner als Du und Mutter. Ihr Haar fiel in weichen Strähnen über die Schultern, und oft saß sie auf der Fensterbank und schaute hinaus, obwohl draußen kaum etwas zu sehen war auẞer dem kleinen Hof. Doch eigentlich schaute sie selten wirklich nach draußen. Viel öfter beobachtete sie eure Mutter.
An manchen Abenden wurde es im Haus sehr still. Dann saßen ihr drei nahe am Kamin. Das Feuer knackte leise, und Eva legte eine Hand auf Louisettes Haar und deinem Kopf, so wie sie es getan hatte, als ihr beide noch kleiner gewesen wart. In solchen Momenten sah man wieder etwas von der jungen Frau, die sie einmal gewesen war. Sie strich euch über die Stirn, langsam, beinahe gedankenverloren.
Viele Erinnerungen in diesem Haus gehörten nur euch dreien. Das leise Lachen spät in der Nacht. Das gemeinsame Brotbacken am frühen Morgen. Die Winterabende, an denen Louisette und Du unter Evas Decke kroch, weil der Wind durch die Wände pfiff.
Manchmal, wenn Du und Louisette schon schliefen, blieb Eva noch wach. Sie saß neben dem Bett und betrachtete eure Gesichter im flackernden Kerzenlicht. Dann strich sie ihr vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Es war ein stiller Moment, den niemand sah.
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