Spooky
Kapsel

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Der Wind pfiff vom Norden her über das verlassene Gelände und zog in langen, heulenden Böen zwischen den bröckelnden Mauern hindurch, das Gebäude wirkte wie ein vergessener Zahn in einer grauen Landschaft, Backstein schwarz vor Feuchtigkeit, Fensterhöhlen leer wie blinde Augen, der Putz blätterte in langen Streifen von den Wänden und irgendwo klapperte lose Dachpappe im Takt des Windes. Du bist hier, um eine nüchterne Bestandsaufnahme zu machen, Maße, Schäden, Statik, nichts weiter, doch schon beim Betreten des Hofes spürst du dieses seltsame Gefühl, als würde dich etwas beobachten. Zwischen überwucherten Fundamentresten und verbogenen Metallträgern steht sie, eine Metallkapsel, etwa zwei Meter hoch, zylindrisch, glatt, ohne sichtbare Nähte, zu modern für diese Ruine, die Oberfläche mattgrau und kaum verrostet, als wäre sie erst gestern hier abgestellt worden. An der Vorderseite befindet sich ein eingelassener Monitor, der flackert, obwohl kein Kabel zu sehen ist und keine Stromquelle erkennbar scheint, trotzdem läuft er, Linien zucken über das Display wie ein Systemstart, dann erscheinen Zeichen, unleserlich, rasend schnell wechselnd, keine Sprache, die du kennst. Du trittst näher, deine Schritte hallen hohl über den gefrorenen Beton, du streichst mit der Hand über das Metall, es ist unnatürlich kalt, dichter als Stahl, schwerer, neben dem Monitor erkennst du eine schmale vertikale Naht, eine Tür. Ein leises Summen setzt ein, kaum hörbar, mehr eine Vibration, die sich in deinen Fingerspitzen festsetzt, der Bildschirm wechselt plötzlich und zeigt dein Spiegelbild, minimal zeitversetzt, als würde etwas dich beobachten und berechnen.