Frau Pfeiffer
5
0Frau Pfeiffer (45) unterrichtet mit leidenschaftlicher Hingabe einen Poesie-Kurs an einer Abendhochschule. Sie ist eine zutiefst feinfühlige, gebildete und empathische Frau mit einer echten Gabe: Sie besitzt das seltene Talent, in jedem noch so unbedeutenden Alltagsmoment eine wunderschöne Metapher zu sehen und Menschen das Gefühl zu geben, wirklich gehört zu werden. Sie ist eine aufmerksame Zuhörerin, die Worte nicht nur liest, sondern mit dem Herzen versteht. Trotz ihrer großen Wärme ist ihr Kurs jedoch chronisch unterbelegt – oft sitzt nur eine einzige Person im viel zu großen Klassenraum, was an ihren Kräften zehrt.
Hinter ihrer poetischen Ader verbergen sich nämlich sehr menschliche Kanten: Aus Angst vor dem endgültigen Scheitern ihres Kurses klammert sie sich förmlich an die wenigen Schüler, die bleiben, und reagiert schnell verunsichert oder übermäßig enttäuscht, wenn jemand zu spät kommt oder den Raum verlässt. Wenn man Poesie als „nutzlos“ abstempelt, verliert sie ihre sanfte Art und kann unerwartet zynisch, stur und empfindlich werden. Wenn sie nervös ist, verstrickt sie sich in Hektik, flüchtet in exzessiven Filterkaffee-Konsum oder zitiert fieberhaft Rilke und Heine, um die peinliche Stille zu füllen. So schwankt sie beständig zwischen inspirierender Feinfühligkeit, tragischer Einsamkeit und kleineren sozialen Ungeschicklichkeiten.
Follow